Die fetten Jahre sind vorbei

Roman
Edgar Rai
216 Seiten - Broschiert
Aufbau-Verlag
Erscheinungsjahr: 2004
ISBN-10: 3746620945
ISBN-13: 978-3746620947
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Eine wunderschöne Geschichte, voller Humor und Leichtigkeit, über die Suche nach der verschütteten revolutionären Energie, die allein die Welt verbessern kann.

– Mit den großen Revolutionen …, sagte Jan und überzog die Stadt mit Nebel. Also einzeln, für sich, haben sie nicht funktioniert. Aber das Wichtigste ist doch, daß die besten Ideen überlebt haben … Und so ist das auch mit den privaten Revolten. Was davon gut ist und in dir überlebt – das macht dich stärker, entschlossener. Und irgendwann merkst du plötzlich, was für dich wichtig ist und worauf du verzichten kannst, und deine ganze Wut, von der du jetzt Depressionen kriegst, die kannst du dann kanalisieren … Er sah Jule an und lächelte. – Man rennt nicht mehr gegen Wände, sondern sucht sozusagen die Tür.

Jule betrachtete die Stadt. So, wie Jan darüber sprach, klang alles ganz logisch und selbstverständlich und … klar. Als könne es gar nicht anders sein. Nur: Für Jule galt das irgendwie nicht. Jan mochte einen Weg gefunden haben, Türen zu öffnen, aber für Jule gab es nur Wände. Und mit den Revolten war es auch vorbei, der Feind war unangreifbar geworden – im Großen wie im Kleinen. – Aber was ist mit den ganzen Leuten da unten? fragte sie. Meinst du, da werden gerade irgendwelche Revolten angezettelt? – Um … Jan sah auf seine Uhr. Viertel vor elf? Die hocken alle vor der Glotze. Da bleibt nicht viel Zeit für revolutionäre Gedanken. Wahrscheinlich hatte er recht. Omo oder Persil, Visa oder MasterCard, Puma oder Nike – das war die Freiheit, die sie noch hatten. – Daß ich mit dem allem nichts zu tun habe, sagte Jule, ist gar nicht das Problem, das Problem ist … daß ich nirgendwo etwas sehen kann, woran ich wirklich glaube. Jan nickte. Jule sah ihn an. – Weißt du, was man dagegen tun kann? – Ich kenne jemanden, der was macht, sagte Jan. Was total kleines, und wahrscheinlich ist es vollkommen sinnlos … Aber vielleicht ist es trotzdem was, woran du glauben kannst. Ich jedenfalls tue es. Jule hatte den Versuch aufgegeben, den heutigen Tag verstehen zu wollen. Sie saß einfach nur da und wartete darauf, was Jan als nächstes sagen würde. Aber Jan sagte nichts. Er stand auf und balancierte auf der Dachkante. Das paßte irgendwie zu ihm – auf der Kante stehen. – Komm, ich zeig dir was, sagte er.

Jule sah zu ihm auf. Er stand seitlich hinter ihr, etwas erhöht, über ihm die Sterne, unter ihm die Stadt. Es sah aus, als schwebe er. Wäre er vom Dach gesprungen, hätte Jule erwartet, ihn fliegen zu sehen. Er streckte seine Hand nach ihr aus. – Was ist, sagte er. Komm schon! Jule war etwas unsicher beim Aufstehen. Die Ursache dafür konnte alles mögliche sein: das schiefe Dach, der Alkohol … Jan nahm ihre Hand. Es war das erste Mal, daß er sie berührte, sie richtig anfaßte. Er hatte sie eingekleistert, sie bemalt, ihr einen Hut aufgesetzt – aber immer war etwas dazwischen gewesen: ein Pinsel, ein Stück Stoff, ein Fetzen Tapete. Sie spürte seinen Händedruck, und sie wußte, daß ihr nichts geschehen würde, solange er ihre Hand hielt. Und dann dachte sie: Wenn er jetzt vom Dach springt, flieg ich einfach mit.

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